VerEin, VerZwei, VerAlle
Ich hatte immer Angst vor Vereinen. Die Individualität hat es mir so befohlen. Wenn alle klatschen, halte ich gerne still.
Aber ich lebe nun mal im Land von tausendundeinem Verein. Deutschland ist Meister im Sich-Vereinen. Ob beim Sport, bei der lockigen Pudelzucht oder beim Kleingärtnern mit Nachtruhe und Jägerzaun. Um wer zu sein, sollte man sich eintragen lassen – in einen Verein.
Natürlich sind Vereine manchmal auch ein bisschen praktisch. Sie holen dich von der Autobahn runter, wenn du mal wieder vergessen hast zu tanken – und es soll sogar Vereine geben, die deine (immer noch nicht) stubenreine, einäugige Katze aufnehmen und jemanden finden, der sie weiter für dich lieb hat, wenn du in den Urlaub fährst, aus dem du nie zurückkehren wirst.
Bei näherer Betrachtung sind Vereine vielleicht gar nicht sooooo schlimm.
Jaja, wenn tausend Männer gleichzeitig singen, tanzen und vor Freude weinen, weil auf dem Spielfeld gekämpft wird, dann wird Deutschland ausnahmsweise mal emotional und gefühlig. Wahrscheinlich lieben wir deshalb so den Fußball – Tausende Sportvereine, für die Sportler Lebensaufgabe, für die Fans der Kanal der großen Gefühle, für die sich plötzlich niemand mehr schämt.
Trotzdem besuchen mich übergroße Maskottchen, die winken, noch hin und wieder in meinen Alpträumen, und Babys, die Borussia heißen, finde ich immer noch seltsam. Aber die verstärkende, gar ansteckende Wirkung eines Vereines kann etwas doch recht Sinnvolles sein. Das Bewegende, das Vereinigende. Das, was etwas zusammenhält, was vorher lose auf dem Planeten herumschwirrte, das, woran man glaubt, und das, was man auf der Welt verändern möchte. Und nicht allein an der Front, sondern gemeinsam mit den Anderen.
Ob irgendwem damit geholfen ist, dass ein Pudel besonders große Locken hat oder der Kegelverein beim jährlichen Vereinsausflug mit bedruckten T-Shirts gleichmäßig rot gebräunt wird, sei dahingestellt.
Aber ich bin neuerdings Fan von Vereinigungen, Gemeinschaften und Bewegungen. In der Nachbarschaft, für Menschen, denen es nicht so gut geht wie anderen. Oder für den Planeten, den wir mit Füßen treten und auf dem wir uns verhalten wie eine Hautkrankheit.
Immer mehr Menschen aus meiner Schublade gründen Kleingärtnervereine ohne Nachtruhe, aber auch ohne Pestizide. Der Drang nach Zugehörigkeit wächst, wir entwickeln uns wieder hin zum Dorf, wo einer dem Anderen hilft. Eine neue Generation der Vereinsmitglieder wächst heran, Menschen haben verstanden, dass es so nicht weitergeht, pflanzen Bäume für die Luft, Karotten für den Magen und sammeln Unterschriften für die Erhaltung bewährter Strukturen.
Durch einen schlauen Verein kann der Lautstärkepegel einer schlauen Meinung hochgedreht und in der Nachbarschaft, im eigenen Land und manchmal auf der ganzen Welt hörbar werden.
Mein lieber Herr Gesangsverein, ich habe mich während des Schreibens dieses Textes selbst umgestimmt. Vereine sind etwas ganz Wunderbares.
Mein Opa sagte immer: Sterben müssen wir alleine. Ich finde: Leben sollten wir gemeinsam! Also: Zeigt, an was ihr glaubt, teilt, was ihr liebt – und seid ansteckend. Denn Liebe ist eh das einzig Wahre und die Welt unser Vereinsheim!
Anna-Zoë Schmidt ist Reisejournalistin und Lebenskünstlerin, baut gerade in Berlin ihr Nest und gründet Schrebergärten der Liebe.









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Ein wundervoller Text. Einfach wahr.